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  • Porträt: Ahmad Kabawa.

Eine Familie zwischen Krieg und Frieden

Ahmad Kabawa aus Aleppo möchte bald perfekt Deutsch sprechen und übt jeden Tag. Sein Lieblingsbuch: Deutsche Märchen. Sein Traum: in Deutschland studieren.

„Deutsche Märchen“. Das Buch steht groß und stolz in Ahmad Kabawas Regal in der Flüchtlingsunterkunft in Siegsdorf im Landkreis Traunstein. Eigentlich ist der 21-Jährige aus Aleppo aus dem Märchenalter schon längst raus. Aber Ahmad Kabawa mag die Geschichten. Sie helfen ihm beim Deutschlernen. Vielleicht erinnern sie ihn auch an seine alte Heimat. An Syrien vor dem Krieg.

Die Flucht aus Aleppo

Von vorn: Im Sommer 2015 beginnt die Flucht für Ahmad Kabawa und seinen Vater. Raus aus Syrien. Wochenlang sind sie auf der Flucht, zu Fuß, im Bus, mit dem Auto, auf einem kleinen Boot. Ihr Weg führt sie über die Balkanroute durch halb Europa – bis sie schließlich am 24. August 2015 in der Bayernkaserne in München ankommen. Ihr Hab und Gut: ein Rucksack und eine Tüte. Die andere Tasche musste Ahmad Kabawa auf dem Meer über Bord werfen. Auf dem Boot waren zu viele Menschen und viel zu wenig Platz.

Neue Bleibe in ehemaligem Altenheim

Als syrische Kriegsflüchtlinge wurden Vater und Sohn rasch anerkannt und erhielten zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Seit Dezember 2015 leben sie in der Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Altenheim. Sie haben ein Zweibettzimmer mit Dusche und Toilette für sich. Zehn Quadratmeter Privatsphäre. Die Gemeinschaftsküche ist auf demselben Flur. Andere Männer kochen gerade. Das Essen riecht lecker.

Priorität Nummer eins: Deutsch lernen

Ahmad Kabawa verbringt die meiste Zeit des Tages damit, Deutsch zu lernen. Er liest in seinem Märchenbuch oder leiht sich  Lesestoff in der Bücherei aus, bearbeitet Aufgaben in seinen Übungsheften, sieht sich Filme in deutscher Sprache im Internet an. Am liebsten Harry Potter oder Tom & Jerry. Es lohnt sich: Sein Deutsch ist schon richtig gut geworden. Immer flüssiger erzählt er von seinen Plänen und Träumen. Ahmad Kabawa hofft, dass sein syrisches Abitur in Deutschland anerkannt wird. Er möchte unbedingt arbeiten – vielleicht in einem Computergeschäft wie früher in Aleppo – und eine eigene Wohnung für sich und seinen Vater finden. Leicht ist das nicht. Ahmad Kabawa träumt davon, in München zu studieren und Elektroingenieur zu werden. Er weiß, er hat das Zeug dazu.

Nahaufnahme: Märchenbuch.
Das Märchenbuch ist Ahmad Kabawas Lieblingslektüre.
Ahmad Kabawa arbeitet in seinem arabisch-deutschen Wörterbuch.
Ein arabisch-deutsches Wörterbuch ist Ahmad Kabawas größte Hilfe beim Deutschlernen.
„Ich möchte unbedingt schnell eine Arbeit finden. Vielleicht kann ich später in München studieren und Elektroingenieur werden. Das ist mein Traum.“

Die Sorge um Mutter und Geschwister

„Die Menschen in Bayern haben uns freundlich und hilfsbereit aufgenommen“, sagt er. „Ich habe hier ein neues Heim gefunden.“ Ahmad Kabawa und sein Vater sind in Sicherheit. Mutter Faiza, Schwester Batoul (16) und Bruder Mohammed (11) sind es nicht. Sie warten in Aleppo seit einem Jahr auf den erhofften Familiennachzug. Zu fünft hätte sich die Familie die Flucht finanziell nicht leisten können. Außerdem hatte Ahmad Kabawas Vater gehofft, seiner Frau und den jüngeren Kindern diese Strapazen zu ersparen. Jetzt bereut er seine Entscheidung, auch wenn sie ohne Alternative war. Seit rund einem Jahr sehnt die Familie nun schon die Zusammenführung herbei.

Doch die Umstände sind schwierig: Angehörige anerkannter syrischer Flüchtlinge können aufgrund des Kriegs ihren Visaantrag nur in deutschen Botschaften in Nachbarländern stellen. Die Anträge von Ahmad Kabawas Familie werden in Beirut bearbeitet.

Der Schulweg in Aleppo ist lebensgefährlich

„Unser Haus wurde zerbombt“, berichtet Ahmad Kabawa. Mutter und Geschwister leben jetzt im Keller. Lebensmittel einkaufen, der Schulweg – jeder Schritt nach draußen ist lebensgefährlich geworden. Ahmad Kabawa und sein Vater sind schier krank vor Angst. So oft das schlechte Mobilfunknetz es zulässt, rufen sie zu Hause an oder schreiben sich Nachrichten. Das Smartphone ist ihre einzige Verbindung. Ahmad Kabawas Vater hat dank Handy sogar Kochen gelernt: In der Gemeinschaftsküche bereitet er die Rezepte zu, die ihm seine Frau aufs Handy schickt. Wie gerne er sie endlich probieren lassen würde.

Porträt: Ahmad Kabawa im Gespräch.

Ahmad Kabawa erzählt von der Flucht aus Aleppo. Sein Gepäck: ein Rucksack und eine Tüte. Die Reisetasche musste er auf dem Meer über Bord werfen.

Ahmad Kabawa steht vor einem Baum.

Ahmad Kabawa in seiner neuen Heimat Traunstein. „Die Menschen hier haben uns freundlich aufgenommen.“

Ahmad Kabawa in seinem Zimmer. Er schenkt ein Erfrischungsgetränk in Gläser.

Für den Besuch hält Ahmad Kabawa Kuchen und Erfrischungsgetränke bereit. Gastfreundschaft ist ihm wichtig.

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Nachtrag:

Ahmad bewohnt inzwischen mit seinem Vater eine eigene Wohnung. Mutter und Geschwister sind weiterhin in Aleppo.